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Kreuzbiss bei Kindern – früh erkennen, sanft behandeln

  • Autorenbild: DDr. Rainer Biedermann
    DDr. Rainer Biedermann
  • vor 10 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Porträt eines Kindes im Milch- oder frühen Wechselgebiss mit sichtbarer Zahnlücke – typische Phase der kindlichen Gebissentwicklung.

Inhaltsverzeichnis


Ein Kreuzbiss wirkt oft harmlos – vor allem im Milchgebiss. Trotzdem kann er die Entwicklung von Kiefer, Gesicht und Funktion beeinflussen.


Die gute Nachricht: Im Wachstum lässt sich ein Kreuzbiss meist einfach und schonend korrigieren.


Was ist ein Kreuzbiss?

Von einem Kreuzbiss spricht man, wenn Oberkieferzähne beim Zubeißen innen statt außen zu den Unterkieferzähnen stehen – entweder:

  • vorne (Frontzähne) oder

  • seitlich (Backenzähne).


Ein Kreuzbiss kann einseitig oder beidseitig auftreten. Besonders der einseitige Kreuzbiss ist häufig mit einer seitlichen Unterkieferverschiebung verbunden.


Typische Zeichen, die Eltern sehen können

  • Kind „beißt schief zu“ (Unterkiefer rutscht beim Zubeißen zur Seite)

  • Zahn-Mittellinien passen nicht (oben und unten nicht deckungsgleich)

  • Kauen überwiegend auf einer Seite

  • vorne: ein oberer Schneidezahn steht hinter den unteren


Nicht jeder Kreuzbiss ist auf den ersten Blick sichtbar – eine gezielte Funktionsprüfung ist oft entscheidend.



Detailaufnahme eines Kreuzbisses im Frontzahnbereich mit veränderter Verzahnung von Ober- und Unterkiefer


Wie entsteht ein Kreuzbiss?

Meist handelt es sich um ein Zusammenspiel aus Veranlagung und Funktion.


Häufige Ursachen im Milch- und Wechselgebiss

  • Schmaler Oberkiefer (genetische Tendenz oder entwicklungsbedingt)

  • Schnuller- oder Daumenlutschen über längere Zeit → kann den Oberkiefer verengen

  • Mundatmung (z. B. chronisch verstopfte Nase, Adenoide, Allergien)→ Zunge liegt tiefer, der Gaumen wird hoch und schmal

  • Fehlfunktion beim Schlucken (Zungenpressen)

  • Frühkontakte einzelner Milchzähne → Unterkiefer weicht beim Zubeißen aus(funktioneller Kreuzbiss)


Wichtig: Nicht jede Gewohnheit führt automatisch zu einem Kreuzbiss. Entscheidend sind Dauer, Intensität und individuelle Wachstumsanlage.


Warum sollte man einen Kreuzbiss ernst nehmen?

Ein Kreuzbiss kann – besonders wenn er einseitig mit Unterkieferverschiebung (Zwangsbiss) einhergeht – die Entwicklung von Kiefer, Muskulatur und Funktion beeinflussen.

Dabei wird der Unterkiefer beim Zubeißen nicht in seiner physiologischen Mittelposition geführt, sondern weicht regelmäßig zur Seite aus. Diese Abweichung kann sich im Wachstum funktionell „einlernen“.


Mögliche Folgen, wenn nichts gemacht wird

  • Asymmetrisches Wachstum Gesicht oder Kinn können im Verlauf des Wachstums zunehmend „schief“ wirken.

  • Ungleiches Kauen → einseitige Belastung der Kaumuskulatur mit möglichen muskulären Dysbalancen.

  • Überlastung einzelner Zähne → vermehrter Abrieb oder lokale Zahnfleischreizungen.

  • Anpassungen im Kiefergelenk Der Unterkiefer wird über längere Zeit in eine Ausweichposition geführt, an die sich Muskulatur und Kiefergelenk anpassen.


Illustration eines Kindes mit symmetrischem und asymmetrischem Gesicht im Vergleich – Darstellung der Gesichtsmitte zur Erklärung von funktioneller Asymmetrie bei Kreuzbiss.

Diese funktionellen Anpassungen sind zunächst kompensatorisch und nicht zwangsläufig schmerzhaft.Allerdings können sie – insbesondere bei fortbestehender Fehlfunktion – eine Rolle im späteren Auftreten von craniomandibulären Funktionsstörungen (CMD) spielen.


Wichtig: Nicht jedes Kind mit Kreuzbiss entwickelt CMD-Beschwerden. Eine frühe funktionelle Korrektur kann jedoch dazu beitragen, ungünstige Bewegungs- und Belastungsmuster gar nicht erst entstehen zu lassen.



Kreuzbiss und Körperentwicklung – gibt es Zusammenhänge?

Der menschliche Körper funktioniert als funktionelle Einheit. Kiefer, Kopfhaltung, Muskulatur und Körperstatik stehen besonders im Wachstum in enger Wechselwirkung.

Ein Kreuzbiss – vor allem ein einseitiger Kreuzbiss mit Unterkieferverschiebung – wird daher in der Fachliteratur nicht isoliert, sondern im funktionellen Gesamtzusammenhang betrachtet.


Was zeigt die wissenschaftliche Literatur?

Studien beschreiben bei Kindern mit unbehandeltem einseitigem Kreuzbiss häufiger:

  • asymmetrische Kaumuskulatur,

  • seitlich veränderte Unterkieferposition,

  • funktionelle Anpassungen der Kopf- und Halsmuskulatur.


Diese Veränderungen sind zunächst kompensatorisch – der Körper versucht, trotz Fehlstellung eine stabile Funktion aufrechtzuerhalten.


Einige Arbeiten berichten zudem über statistische Zusammenhänge zwischen:

  • einseitigem Kreuzbiss,

  • Gesichtsasymmetrien,

  • Veränderungen der Kopf- und Schulterhaltung.


⚠️ Wichtig: Es handelt sich dabei nicht um eine zwingende Ursache-Wirkungs-Beziehung, sondern um funktionelle Korrelationen. Ein Kreuzbiss verursacht keine Haltungsstörung – kann aber Teil eines funktionellen Anpassungsmusters sein.


Warum ist das im Kindesalter relevant?

Im Wachstum ist der Körper besonders formbar. Wird der Unterkiefer über Jahre seitlich geführt, kann sich diese Position:


  • im Kieferwachstum,

  • in der Muskulatur,

  • und in Bewegungsabläufen

„einlernen“.


Eine frühe funktionelle Korrektur ermöglicht:


  • mittiges Schließen des Unterkiefers,

  • symmetrische Muskelarbeit,

  • harmonische Entwicklung ohne dauerhafte Kompensationen.


Muss jeder Kreuzbiss sofort behandelt werden?

Nein – nicht automatisch. Es gibt Hinweise, dass sich leichte Kreuzbisse im reinen Milchgebiss bis zum frühen Wechselgebiss spontan bessern können.


Eher beobachten (unter Kontrolle)

  • sehr leichter Kreuzbiss

  • keine deutliche Unterkieferverschiebung

  • keine ausgeprägte Enge oder Asymmetrie

  • gute Nasenatmung, keine starken Habits


Eher früh behandeln

  • einseitiger Kreuzbiss mit Zwangsbiss

  • deutliche Oberkiefer-Enge

  • Frontkreuzbiss, besonders bei skelettaler Tendenz

  • Beschwerden, Abrieb oder Schleimhauttrauma


Laut VÖK (Verein Österreichischer Kieferorthopäden) wird eine frühzeitige kieferorthopädische Abklärung zu folgenden Zeitpunkten empfohlen:

  • mit etwa 4 Jahren – im vollständigen Milchgebiss

  • mit etwa 8 Jahren – im frühen Wechselgebiss

  • mit etwa 12 Jahren – im späten Wechselgebiss


Diese Untersuchungen dienen der Früherkennung von Zahn- und Kieferfehlstellungen (z. B. Kreuzbiss) und der Einschätzung, ob, wann und in welcher Form eine Behandlung sinnvoll ist.


👉 Praktisch heißt das: früh abklären, dann individuell entscheiden.


Wie wird ein Kreuzbiss behandelt?

Die Therapie hängt von Ursache und Befund ab – im Wachstum meist unkompliziert.


1) Frühkontakt als Auslöser

Manchmal reicht eine minimal korrigierende Maßnahme (selektives Einschleifen im Milchgebiss). Der Unterkiefer kann danach wieder gerade schließen.


2) Oberkiefer zu schmal (häufigster Fall)

Sanfte Weitung des Oberkiefers, z. B. mit:

  • herausnehmbarer Dehnplatte (mit Schraube)

  • festsitzender Apparatur (GNE)


Die aktive Korrektur dauert oft Wochen bis wenige Monate, danach folgt eine Stabilisierungsphase (meist 6 Monate).


3) Frontkreuzbiss

  • Einzelzahn: kleine aktive Spange oder Feder

  • skelettale Tendenz: wachstumslenkende Konzepte (alters- und befundabhängig)


4) Ursachenarbeit für Stabilität

  • Abgewöhnen von Habits (Schnuller, Daumen)

  • Nasenatmung abklären (HNO bei Verdacht)

  • ggf. myofunktionelle Therapie (Zunge, Schlucken, Lippen)



Schnuller und Babylätzchen – Symbolbild für frühkindliche Gewohnheiten wie Schnullergebrauch als möglicher Einflussfaktor auf die Kieferentwicklung.


Wie lange dauert das?

  • aktive Korrektur: häufig 3–6 Monate

  • Stabilisierung: abhängig vom Wachstum (z. B. nachts tragen)

Eine gute Retention ist wichtig, da ein Teil der Fälle sonst wieder zur Enge neigt.


Fazit

Ein Kreuzbiss ist meist gut behandelbar, besonders im Milch- und Wechselgebiss. Entscheidend ist, ob ein Zwangsbiss und eine Oberkiefer-Enge vorliegen. Eine frühe Abklärung schafft Klarheit – und ermöglicht oft die sanfteste und stabilste Lösung.


Wenn du unsicher bist, ob dein Kind „schief zubeißt“ oder ein Kreuzbiss vorliegt, kann eine Funktions- und Wachstumsanalyse helfen, den richtigen Zeitpunkt und die passende Therapie zu bestimmen.






FAQ


Was ist der Unterschied zwischen einem Kreuzbiss und einem Unterbiss?

Ein Kreuzbiss beschreibt die seitliche oder frontale Fehlstellung einzelner Zähne oder Zahnsegmente (oben innen statt außen). Ein Unterbiss bezeichnet meist eine skelettale Fehlentwicklung, bei der der Unterkiefer insgesamt weiter vorne liegt.Beides kann zusammen auftreten – muss aber nicht.

Kann sich ein Kreuzbiss von selbst verwachsen?

In leichten Fällen im reinen Milchgebiss kann es zu einer spontanen Besserung kommen. Besteht der Kreuzbiss jedoch mit Unterkieferverschiebung, deutlicher Enge oder im frühen Wechselgebiss weiter, ist eine Selbstkorrektur eher unwahrscheinlich.

Ab welchem Alter sollte ein Kreuzbiss abgeklärt werden?

Eine erste funktionelle Abklärung ist bereits ab 4–5 Jahren sinnvoll.Spätestens im frühen Wechselgebiss (6–8 Jahre) sollte klar sein, ob beobachtet oder behandelt wird.

Tut die Behandlung weh?

In der Regel nein.


Kinder spüren anfangs meist nur ein leichtes Druckgefühl, besonders bei Dehnapparaturen. Schmerzen sind untypisch und meist kurzzeitig

Muss mein Kind eine feste Zahnspange tragen?

Nicht unbedingt. Viele Kreuzbisse lassen sich mit herausnehmbaren oder kleinen festsitzenden Frühapparaturen korrigieren. Eine „klassische feste Zahnspange“ ist im Kindesalter oft gar nicht notwendig.

Wie lange dauert eine Kreuzbiss-Behandlung?

Die aktive Korrektur dauert häufig nur 3–6 Monate. Danach folgt eine Stabilisierungsphase, die vom individuellen Wachstum abhängt.

Kann ein Kreuzbiss später Probleme machen?

Ja, vor allem bei einseitigem Kreuzbiss mit Zwangsbiss. Unbehandelt kann es zu asymmetrischem Wachstum, funktionellen Anpassungen der Muskulatur und langfristig zu Kiefergelenkbelastungen kommen – oft ohne frühe Schmerzen.


 
 
 
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